Gaza-Blog der SOS-Kinderdörfer

Der Tag, an dem der Krieg begann

6. Februar 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

Von Kamil el Shami

Als der Krieg begann, war ich gerade an der Universität. Meine Kollegen und ich steckten mitten in der Arbeit, da hörten wir plötzlich laute Explosionen ganz in der Nähe. Ich hatte sofort das Gefühl von großer Gefahr. Ich dachte an meine Familie, meine Mutter und an das SOS-Kinderdorf. Die Zimmerdecke wackelte so heftig, dass ich befürchtete, das Gebäude könnte zusammenbrechen. Ich schaute mich nach meinen Kollegen um, aber da war niemand mehr. Also rannte ich raus.

Auf dem Uni-Gelände liefen die Studenten und Dozenten aufgeregt umher, das reine Chaos. Dann begannen die Angriffe erneut, diesmal noch heftiger. Die Menschen waren in Panik, rannten in die eine Richtung und drehten sich ganz plötzlich wieder um, rannten dorthin zurück, wo sie eben hergekommen waren. Ohne zu denken, machte ich genau das gleiche.

Als endlich Ruhe einkehrte, dachte ich, dass der Angriff vielleicht nur einigen Regierungsgebäuden gegolten hatte und nun alles vorbei sei. Ich machte mich auf den Weg zu meinem Auto, denn ich wollte zum SOS-Kinderdorf fahren, dass nur wenige Minuten entfernt ist; schauen, ob alles in Ordnung ist, doch schon begannen die Luftangriffe von neuem. Ich konnte nicht einmal mit meiner Familie telefonieren, weil das Telefonnetz lahmgelegt worden war.

„Ich fühlte mich hilflos und schuldig!“
beitrag-1Erst eine Stunde später waren die Angriffe endlich vorbei. Zu Hause warteten meine Frau und meine beiden Söhne Amjad und Ashraf, aber meine Tochter Farah war noch nicht von der Schule zurückgekehrt. Wir machten uns große Sorgen! Immerhin erreichte ich endlich per Telefon das Kinderdorf und hörte erleichtert, dass es dort allen gut ging. Im Fernsehen sahen wir die ersten Toten und zerstörten Gebäude. Es war dieser Moment, in dem ich begriff: Wir befinden uns in einem richtigen Krieg! Für Außenstehende mag das merkwürdig klingen, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass uns das einmal passieren würde. Meine Familie ist sehr aufgeschlossen und sozial engagiert. Wir interessieren uns für Wissen, Sprachen und Computer, aber wir haben nie über den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis diskutiert. Unser Haus hat keinen Bunker – wenn es bombardiert würde, hätten wir keinerlei Schutz. Ich fühlte mich hilflos, schuldig – ich könnte nicht einmal meine Familie beschützen!

Ein Bus hält vor unserer Tür, Farah steigt aus. Wir rennen alle zu ihr, umarmen sie, schauen sie prüfend an: Ist alles okay? Farah sieht blass aus, erschrocken, aber sie ist bei uns. Ich bin erleichtert!

Kategorien: Familie · Gaza · Kinderdorf · Krieg · Universität

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Hinterlasse einen Kommentar