„Wo ist Diyaa?“, fragt der Jugendleiter des SOS-Kinderdorfs Rafah plötzlich beim Abendessen. Die anderen schauen sich suchend um: Kein Diyaa. Immerhin scheint er auf dem Gelände zu sein, wie ein Telefonat mit dem Wachmann ergibt.
Keiner weiß so recht, ob er sich Sorgen machen soll, denn der 14jährige Diyaa ist so Einer, der sich immer wieder merkwürdige Dinge einfallen lässt, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Trotzdem lassen alle nun ihr Essen stehen und beginnen zu suchen.
Wie viele Kinder im SOS-Kinderdorf Rafah haben Diyaa und seine Geschwister keine Eltern mehr. Ihre Mutter starb an Krebs, ihr Vater bei einem Autounfall. So etwas passiert auch in anderen Ländern, aber in Gaza ist das Sterben besonders leicht. Man muss gut auf sich aufpassen, wenn man in all dieser Armut und unter so schwierigen Bedingungen überleben will. Auch Diyaa hätte längst tot sein können, einmal war er nahe dran: Nachdem Vater und Mutter nicht mehr da waren, nahm ein Onkel die Geschwister auf, der aber, wie die meisten Menschen in Gaza selbst nur aufgrund internationaler Hilfe überleben konnte. Völlig unmöglich, drei weitere Kinder zu ernähren.
Diyaa hörte auf, in die Schule zu gehen und besuchte stattdessen die Müllcontainer der Stadt, um Essbares für sich und seine drei jüngeren Geschwister zu finden. Dann kam der Tag, als die Kinder nach so einer Mahlzeit furchtbare Krämpfe bekamen und mit einer schweren Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Nachdem ihnen der Magen ausgepumpt wurde, schickte man sie zurück zum Onkel. Und Diyaa machte sich wieder auf den Weg zum Müllcontainer, was hätte er sonst tun sollen?

Als Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs die Geschwister fanden, waren sie in denkbar schlechtem Zustand und wurden gleich wieder ins Krankenhaus eingeliefert, bevor im SOS-Kinderdorf endlich ein anderes Leben für sie begann. Diyaa interessiert sich heute zum Beispiel für traditionellen Tanz, früher hatte er gar keine Chance, sich für irgendetwas zu interessieren als für die nächste Mahlzeit.
Ach ja, und er interessiert sich für Streiche. Als die anderen ihn versteckt in einem Wandschrank entdecken, grinst er. Was für ein schönes Gefühl: Gesucht und gefunden zu werden!

