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Mach’s gut, Bruder!

12. August 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

Vor zwei Jahren hat sich mein Sohn Ashraf von uns verabschiedet. Am Morgen hat er uns alle umarmt, seine Schwester Farah hat geweint, ist in den Garten gelaufen und hat eine weiße Rose für Ashraf gepflückt und die Blütenblätter über ihn geworfen.

Wie viele junge Palästinenser wollte Ashraf, damals 18 Jahre alt, zum Studium ins Ausland reisen. Sein Ziel war die Nicosia Universität in Zypern, wo er Informatik studieren wollte. An den Universitäten in Gaza gibt es längst nicht genug Plätze, und die Ausstattung ist teilweise veraltet. Ein Auslandstudium, das bedeutet aber auch: Austausch zwischen den Kulturen, die Erfahrung eines anderen Umfelds, anderer Weltsichten! Ich selbst habe vor langer Zeit in Heidelberg studiert und habe heute noch viele Freunde von damals. Anders als heute konnte ich allerdings frei reisen. Mein Bruder ist deutscher Staatsangehöriger und so lag es für mich nahe nach Deutschland zu gehen.

Ashraf kam am späten Abend seines Abreisetages zurück: müde, frustriert, enttäuscht. Er war nicht über die Grenze gekommen – weder die Zusage der Universität, noch das Visum, noch das Flugticket hatten ihm helfen können!

Seit diesem Tag war Ashraf in der Hauptbeschäftigung Ausreisender. Über lokale Radiosender und das Internet informierte er sich ständig über die Situation am Grenzübergang zu Ägypten. Sobald einer seiner Freunde erfuhr, dass die Grenze in den kommenden Tagen geöffnet werden sollte, schickte er eine SMS an alle – denn wie Ashraf warteten so viele!

Ashraf packte dann jedes Mal seinen Koffer, inzwischen mit viel Routine und tatsächlich überkam ihn immer wieder das Reisefieber – so wenig realen Bezug es auch hatte. Er umarmte uns, seine Schwester weinte, pflückte die weiße Rose, warf die Blütenblätter – und am Abend kam Ashraf zurück nachhause, müde, frustriert, enttäuscht. Bis er sich wieder aufrappelte. Und ein Freund eine SMS schickte. Und neue Hoffnung keimte.

Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Die Umarmung, die Blütenblätter, und Ashraf machte sich auf den Weg zum Busbahnhof. Im allgemeinen Getümmel der Menschen ergatterte er einen Platz und wartete und hoffte und am Abend rollte der Bus tatsächlich an.

Als Ashraf endlich in einem Warteraum auf der ägyptischen Seite saß, spielte Zeit keine Rolle mehr! Es dauerte lange, bis er endlich am Flughafen ankam, das anvisierte Flugzeug war da längst weg, aber egal: Das nächste würde kommen.

Seitdem ist Ashrafs Zimmer leer. Wir alle freuen uns für Ashraf, auch unsere Tochter. Aber sie hat auch Angst: Was, wenn die Grenzen gar nicht mehr öffnen? Sie ist nicht die einzige mit solchen Gedanken!

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