Lernen ohne Bücher

30sept2009kleinEin Kindergarten-Tag im SOS-Kinderdorf Rafah in Gaza: Halima, die Erzieherin, zieht die Vorhänge zu und beginnt mit einer kleinen Filmvorführung. Die Kinder schauen vergnügt zu, bis die Vorstellung ganz plötzlich abbricht und alle im Dunkeln sitzen. Erschrocken schreien die Kinder auf, die Dunkelheit macht ihnen Angst. Schnell will Halima das Licht anschalten, aber das funktioniert auch nicht. Erst, als die Erzieherin die Vorhänge öffnet, beruhigen sich die Kinder, hören nun auch die Worte Halimas: nur ein Stromausfall. Nichts Schlimmeres.

Kindergarten und Schule haben also nach den Ferien wieder begonnen und damit auch die täglichen Herausforderungen – der ständige Stromausfall ist nur eine davon. In Gaza ist es wie in vielen Ländern üblich, dass die Kinder Schuluniformen tragen – aber es gibt kaum Stoffe, weshalb in diesem Schuljahr 300 000 Kinder auf eine Uniform verzichten müssen. Im SOS-Kinderdorf Rafah haben wir es mit sehr viel Mühe hinbekommen, alle Kinder einzukleiden. Wir sind ohnehin noch gut dran: Die Hermann-Gmeiner-Schule, die zum Kinderdorf gehört, ist im Krieg nicht zerstört worden, und dank der internationalen Unterstützung sind wir verhältnismäßig gut ausgestattet und das Niveau ist ziemlich gut.

Überfüllte Schulen

Da wir unsere Hilfe möglichst vielen Kindern zu Gute kommen lassen möchten, werden auch Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft in der Schule aufgenommen – soweit möglich. Ohnehin gibt es zu wenig Schulplätze in Gaza und seit im Krieg Anfang des Jahres viele Schulen zerstört worden sind, hat sich die Situation noch verschlimmert; das ist besonders dramatisch in den ländlichen Regionen, in denen die Schulen drastisch überfüllt sind. Aber auch die Hermann-Gmeiner-Schule hat inzwischen 200 Schüler – ausgelegt ist sie für 130!

Und Schulbücher sind ein Problem: die Bücher wären schon da, nur liegen sie an den Checkpoints und dürfen die Grenze nach Gaza nicht passieren. Also behilft man sich mit alten Exemplaren aus den letzten Jahren, oder die Lehrer verteilen Fotokopien der benötigten Buchseiten. Eine Weile ging das gut, bis sich gestern eine Traube von Lehrern um den Kopierer versammelte. Er funktionierte nicht mehr. Man könnte ihn leicht reparieren, aber die benötigten Ersatzteile sind in Gaza nicht aufzutreiben – aus dem gleichen Grund stehen in hunderten von Schulen solche kaputten Geräte herum. Der Schulleiter gab schließlich die Anweisung, die benötigten Seiten einzuscannen und für alle Schüler auszudrucken – sehr wohl wissend, dass auch die Druckertinte rar ist. Mal schauen, wie lange das gut geht.

Ein liebevolles Zuhause

Und doch: vielen anderen Schülern überall im Land geht es wesentlich schlechter. Sie sind sich selbst überlassen, ihre Eltern haben existentielle Sorgen, das Umfeld ist trostlos. Die Kinder sind mutlos, manche gehen gar nicht mehr zum Unterricht.

Im SOS-Kinderdorf müssen die Jungen und Mädchen nicht hungern, sie haben ein festes Dach über dem Kopf und ein liebevolles Zuhause – der entscheidende Unterschied, der Lernen möglich macht!

Liebe Leser, was möchten Sie sonst noch über das Leben im SOS-Kinderdorf Rafah in Gaza wissen? Ich freue mich auf Ihre Fragen!

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3 Antworten zu “Lernen ohne Bücher

  1. Ich finde es einfach wunderbar, dass und wie den Kindern geholfen wird.

  2. Reinhard Fey

    Sie versuchen, sich offenbar aus Bewertungen herauszuhalten. Aber das geht nicht immer:
    So weit ich weiß, dürfen die Bücher deswegen nicht ins Land, weil die Hamas findet, dass Informationen über den Holocaust erstens falsch sind und zweitens nur geeignet, ein Mitleid der Kinder mit Juden zu fördern. Die Schulbuchspende der UNO-Organisation wird deshalb zurückgewiesen.

  3. Lieber Herr Fey,

    herzlichen Dank für den Kommentar.

    Leider ist es so, dass wir generell Schwierigkeiten haben, benötigte Bücher zu bekommen, das gilt auch für politisch völlig unbedenkliche Mathematik- oder Physik-Bücher. Und unsere beiden Kindergärten warten schon seit langer Zeit auf dringend benötigte Bilderbücher!

    Schreiben Sie gerne wieder, wenn Sie noch eine Nachfrage haben,
    herzliche Grüße,

    Kamil Shami

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